Sexuelle Gewalt im Leben von Seniorinnen
Hintergründe
Seniorinnen sind ebenso wie jüngere Frauen von sexualisierter Gewalt betroffen und waren es über ihre Lebensgeschichte hinweg. Dabei gibt es besondere Bedingungen, die es notwendig machen, gerade Seniorinnen besondere Beachtung zukommen zu lassen:
Das Frauenbild des 20. Jahrhunderts, Erlebnisse der beiden Weltkriege und Gewalttätigkeiten gegen die weibliche Bevölkerung im alltäglichen Leben fügten und fügen einer großen Zahl der heutigen Seniorinnen mehrfache und schwerste Traumatisierungen zu. Bedürfen sie im Alter zudem der Hilfe und Pflege durch andere, sind sie Gefahren einer Retraumatisierung und u.U. erneuten Gewalterfahrungen ausgesetzt.
Die Auseinandersetzung mit dem Alter ist ebenso stark tabuisiert wie die Konfrontation mit sexualisierter Gewalt. Diese Tabus fordern von alten Frauen, über ihre Erlebnisse und Probleme zu schweigen und führen dazu, die kollektive und individuelle Lebensgeschichte der Frauen des 20. Jahrhunderts zu verdrängen und zu vergessen.
Das Frauenbild im 20. Jahrhundert
patriarchalen Gesellschaftsordnung
In der patriarchalen Gesellschaftsordnung des größten Teils des 20. Jahrhunderts galten Frauen als Besitz ihrer Väter und Ehemänner. Entscheidungen in allen Lebensbereichen erforderten das Einverständnis dieser Männer. Beispielsweise benötigte ein Mädchen die Zustimmung des Vaters, wenn sie einen Beruf erlernen wollte oder konnte eine Frau bis 1977 nur mit Erlaubnis des Ehemannes berufstätig sein.
sexueller Missbrauch
Viele mussten schon als kleine Mädchen erfahren, dass sie sich dem männlichen Willen bedingungslos zu unterwerfen hatten. Sexueller Missbrauch gehörte wie heute zur alltäglichen Gewalt. Es gibt keine Studien darüber, wie viele der heute alten Frauen in ihrer Kindheit sexuell missbraucht wurden und welche Folgen daraus resultieren. Es gibt jedoch keinen Grund zur Annahme, dass sexueller Missbrauch früher seltener war als heute. Das Trauma des sexuellen Missbrauchs wurde zudem noch verstärkt, indem dem Mädchen die Schuld für die Verletzung übertragen wurde und ihr vermittelt wurde, mit dem "Verlust ihrer Unschuld" die Familie entehrt zu haben. Mädchen lernten, sich zu schämen, zu schweigen und alleine mit der "Schande" fertig zu werden.
Frauen in der Ehe
Eine Ehe war meist die einzige Möglichkeit, der Abhängigkeit vom Vater zu entkommen, finanziell abgesichert zu sein und gesellschaftliche Anerkennung zu erhalten. Doch auch in der Ehe waren Frauen ihrem Ehemann ausgeliefert. Ihre Lebensaufgabe sollte darin bestehen, eine gute Ehefrau und Mutter zu sein, und sie hatte ihrem Ehemann in jeder Beziehung zur Verfügung zu stehen. Vergewaltigung innerhalb der Ehe gab es nicht; es handelte sich hier um das Recht des Mannes und die eheliche Pflicht der Frau. Vergewaltigung in der Ehe ist erst sein 1997 (!) strafbar.
Viele der heutigen Seniorinnen erlebten ihre Kindheit und Jugend in der rechtlichen und persönlichen Situation vollkommener Abhängigkeit von Männern und in der Gewissheit, deren Willen ausgesetzt zu sein.
